5G: Schießt die Kritik an Huawei übers Ziel hinaus?

Ich gebe es zu: Je tiefer in das Thema Security eingetaucht wird, desto aufgeschmissener bin ich. Dabei lese ich wirklich viel, interessiere mich für alles, was in unserer Technologie-Blase passiert und das schließt Sicherheitsfragen natürlich mit ein. Dennoch fehlt mir eben manches mal das technische Verständnis, wenn zum Beispiel bei Heise die Gefahr einer bestimmten Sicherheitslücke ausführlich erklärt wird. Irgendwann kommt da bei mir der Punkt, an dem mein Gehirn aussteigt. Ungefähr wie bei Homer Simpson, wenn ihn Ned Flanders dicht quasselt:

Das alles erzähle ich euch deswegen, weil ich derzeit wieder einer Debatte folge, bei der ich technisch manchmal echt aufgeschmissen bin. Es geht um das Thema 5G, um den Netzwerk-Giganten Huawei und die Gefahr, die vermeintlich von dem chinesischen Unternehmen ausgeht. Ich kann euch eine Menge zu Huawei erzählen, auch zu vielen Produkten der Chinesen und ich kann auch über 5G berichten.

Was ich hingegen nicht kann: Einschätzen, wie groß das tatsächliche Sicherheitsrisiko ist, wenn Huawei tatsächlich eine wichtige Stütze Deutschlands beim Aufbau des 5G-Netzes wird. Nicht nur Donald Trump geht auf die Barrikaden und hat Huawei nahezu komplett vom amerikanischen Kontinent vertrieben. Länder wie Japan, Neuseeland und Australien haben sich bereits angeschlossen und wollen auch auf die Dienste der weltweiten Nr. 1 in Sachen Netzwerk-Technologie verzichten.

Auch in Deutschland regt sich Widerstand und forciert wird das durch entsprechende Medienberichte, in denen wir erfahren, dass Sicherheitsbehörden vor Huawei warnen. Im verlinkten Artikel von tagesschau.de ist zu lesen:

Das Votum der deutschen Sicherheitsbehörden ist eindeutig: Aus Sicherheitsgründen dürfe der chinesische Netzwerkausrüster Huawei nicht am Aufbau des 5G-Netzes beteiligt werden. Das erfuhr das ARD-Hauptstadtstudio aus Sicherheitskreisen. Konkret geht es darum, dass China Huawei-Technik mithilfe sogenannter Backdoors für Spionagezwecke nutzen könnte, so die Befürchtung.

Der von mir dick hervorgehobene Satz gibt die Stoßrichtung des Artikels vor: Macht, was ihr wollt, aber lasst bloß nicht die Chinesen an unser 5G-Netz. Die Dinge, die man “aus Sicherheitskreisen” erfahren haben, klingen mysteriös und sicher nicht nur ich frage mich, wer da genau aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Ich frage mich allerdings auch, wie sicher Sicherheitskreise sind, die ihre Geheimnisse mit dem Bayrischen Rundfunk besprechen.

Aber man stützt sich nicht nur auf Insider-Wissen in dem Bericht und zitiert auch zwei Sicherheits-Experten. Wie so oft äußert sich Gerhard Schindler, der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND)

Wer diese Technologie bereitstellt, ist auch in der Lage, Kommunikation abzuhören. Man kann Sicherheitssysteme einbauen, aber das Risiko bleibt. Gerhard Schindler, Lobbyist

Und auf die Frage danach, ob es tatsächlich einen Kill-Switch gäbe, mit dem man uns aus China das komplette Netz in ganz Deutschland ausknipsen könnte, weiß Schindler:

Ein solches Szenario kann man sich durchaus vorstellen”, so Schindler. “Wenn diese Module abgeschaltet werden, sind wir in keiner Weise darauf vorbereitet und könnten nicht reagieren. Gerhard Schindler, Lobbyist

Im Beitrag wird Schindler nur als ehemaliger BND-Chef tituliert. Den Posten hat er bereits seit Jahren nicht mehr inne, seine neue Tätigkeit wird jedoch nicht erwähnt: Gerhard Schindler ist mittlerweile für friedrich30 tätig — als Lobbyist. Dort vertritt er natürlich Unternehmensinteressen, aber der Artikel der ARD bzw. des BR erwähnt weder, dass er als Lobbyist tätig ist, noch wird nachgebohrt, wessen Interessen er derzeit explizit vertritt. Zumindest hätte man sich aber überlegen können, dass man seine Aussagen im Beitrag nicht so darstellen darf, als spräche er nach wie vor für die Sicherheitsbehörden.

Gleiches gilt für Martin Schallbruch, der ebenfalls zu Wort kommt und ebenfalls längst nicht mehr in Diensten der Regierung. Bis Ende Februar 2016 war Schallbruch Leiter der Abteilung Informationstechnik, Digitale Gesellschaft und Cybersicherheit im Bundesministerium des Innern

Wer sich stattdessen äußern sollte? Jemanden vom BSI am besten. Dort hat man sich natürlich auch zum Thema Huawei und 5G geäußert, bereits im letzten Dezember, also vor etwa eineinhalb Monaten. Das Bundesamt hat sich da ganz klar gegen einen Huawei-Boykott ausgesprochen, wie ihr im Spiegel nachlesen könnt. Huawei hat mittlerweile auf den Artikel auf tagesschau.de reagiert und fragt in seinem offenen Brief auch direkt mal nach, ob es neue Erkenntnisse gibt, die uns glauben lassen sollten, dass man beim BSI diesbezüglich einen Kurswechsel erwägt.

Die Wirtschaft hingegen bewertet die Nummer ein bisschen anders. BDI-Präsident Dieter Kempf hält Vorverurteilungen für falsch, da “wegen des einfachen Verdachts einer Gefährdung der Sicherheit kein Wettbewerber ausgeschlossen werden dürfe”. Darüber hinaus würde uns der Verzicht auf Huaweis Technologie auch um Jahre beim 5G-Ausbau zurückwerfen. Das heißt jetzt nicht, dass Sicherheitsbedenken hinter wirtschaftlichen Interessen zurückbleiben sollten, zumindest muss man das aber mit auf der Rechnung haben.

Ich hoffe, dass wir uns hier richtig verstehen: Hier geht es nicht darum, dass wir Huawei einfach durchwinken, ohne zu überprüfen, was tatsächlich Phase ist. Selbstverständlich müssen unsere Behörden das sorgfältig abklopfen und gegebenenfalls auch einem Unternehmen wie Huawei auf die Finger klopfen, sollten sich Verdachte erhärten.

Allerdings finde ich nicht, dass wir uns medial auf ein Unternehmen stützen, gegen das zum jetzigen Zeitpunkt nichts vorliegt. Schon gar nicht, wenn sich die Medien bundesweit auf die Aussagen von Lobbyisten stürzen, die ganz sicher die Interessen ihrer Unternehmen im Blick haben — und nicht die der Regierungsbehörden.

Ach und eins noch, weil der härteste Gegenwind für Huawei ja aus den USA kommt: Erinnert ihr euch noch an die NSA-Nummer? Genau diese Backdoors, die man pauschal allen chinesischen Unternehmen andichtet, gab es da nämlich tatsächlich. Welches Unternehmen das damals ermöglicht hat? Genau — Cisco, mit Firmensitz in San José

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